In der Phytotherapie ist es nicht nur wichtig, welche Heilpflanze bei einer bestimmten Erkrankung eingesetzt wird, zum Beispiel Johanniskraut bei leichten bis mittleren Depressionen.

Genauso wichtig ist die Frage, in welcher Form die Anwendung am sinnvollsten geschehen soll – zum Beispiel als Johanniskraut-Tee, Johanniskraut-Tinktur oder Johanniskraut-Extrakt. Denn zwischen diesen Arzneiformen gibt es grosse Unterschiede. Und darüber hinaus werden noch sehr unterschiedliche Varianten von Johanniskraut-Tinkturen und Johanniskraut-Extrakten hergestellt, die sich in ihrer Zusammensetzung wiederum unterscheiden. Hier gilt es genau hinzusehen, um die jeweils wirksamste und verträglichste Form zu wählen.

Bei der innerlichen Anwendung kann man unterscheiden zwischen Arzneitees, die von den Anwenderinnen und Anwendern selbst hergestellt werden, und Arzneimitteln wie Tinkturen, Extrakte oder Fertigpräparate (Phytopharmaka), die von spezialisierten Herstellern produziert werden. So beschrieben handelt es sich bei Phytopharmaka um Produkte der pharmazeutischen Industrie (Fertigpräparate). Manchmal werden aber auch einfach alle pflanzlichen Arzneimittel zu den Phytophamaka gezählt, dann gehören auch die Kräutertees in diese Kategorie. Der Begriff Phytopharmaka stammt von den griechischen Bezeichnungen phytón für Pflanze und phármakon für Arzneimittel ab.

 

Arzneimittel der Phytotherapie sind Vielstoffgemische

 

Im Unterschied zu den chemisch definierten Arzneimitteln, die in der Regel nur aus einem oder wenigen Wirkstoffen bestehen, sind die Arzneimittel der Phytotherapie Vielstoffgemische, die sich aus hunderten unterschiedlichen Substanzen zusammensetzen können. Von diesen Inhaltsstoffen werden einige als pharmakologisch aktiv angesehen und gelten damit als Wirkstoffe, während andere als inaktiv betrachtet werden. Die Wirksamkeit der phytotherapeutischen Arzneimittel entfaltet sich aus der komplexen Wechselwirkung der Inhaltsstoffe mit molekularen Zielstrukturen wie Rezeptoren, Enzymen und Transportern. Das oft breit gefächerte Wirkstoffspektrum phytotherapeutischer Arzneimittel hat zur Folge, dass bei jeder Anwendung im Organismus mehrere Vorgänge und Zielstrukturen beeinflusst werden. Die Gesamtwirkung gründet also auf dem Zusammenspiel von mehreren Einzelvorgängen.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Multi-Target-Therapie (Multi = viele, target = Ziel). Dies kann Vorteile bieten, unter anderem weil viele Krankheiten auf dem komplexen Zusammenspiel zahlreicher Vorgänge beruhen. Ausserdem ist die milde Einwirkung auf verschiedene Vorgänge und Strukturen oft verträglicher als ein starker Eingriff an einer einzigen Stelle, wie es eher bei sythetischen Arzneimitteln vorkommt.

Arzneitees

Zur Herstellung eines Arzneitees wird Wasser als Lösungsmittel für die Wirkstoffe verwendet. Grundsätzlich ist Wasser ein gutes Lösungsmittel. Allerdings werden lipophile (fettliebende) Wirkstoffe wie zum Beispiel ätherische Öle durch Wasser suboptimal gelöst.

In vielen, aber nicht in allen Fällen, lässt sich mit Arzneitees eine relevante, wirksame Wirkstoffmenge zuführen. Durch optimale und auf die jeweilige Pflanze abgestimmte Teezubereitung lässt sich die Wirkstoffkonzentration im Tee steigern und die Verträglichkeit verbessern.

Nachteilig ist beim Arzneitee, dass wir mit Schwankungen in der Wirkstoffausbeute rechnen müssen. Dafür verantwortlich sind unterschiedliche Wirkstoffkonzentrationen im verwendeten Teekraut sowie unterschiedliche Bedingungen bei Lagerung und Teeherstellung.

Wer einen Kräutertee herstellt, kann damit sich oder anderen etwas Gutes tun. Diese Mitwirkung und diese Zuwendung zu sich oder anderen kann zur Gesundwerdung beitragen. Wer sich Zeit nimmt, um einen Kräutertee zuzubereiten und zu trinken, nutzt den Ritualcharakter dieser Anwendungsform. Solche Rituale sind zwar keine Wundermittel gegen Alles und Jedes, aber auch nicht ohne Wirkung. Verbunden mit der pharmakologischen Wirkung von Inhaltsstoffen kann so eine effektive Anwendungsform entstehen.

Kräutertees bieten aber auch – im Gegensatz zu Tabletten – ein sinnliches Erlebnis (Geschmack, Geruch, Wärme). Das kann verschiedene physiologische Reaktionen im Organismus auslösen und zur körperlichen und psychischen Entspannung beitragen.

Arzneitees kommen zur Anwendung als Einzeltee (zum Beispiel Melissentee) oder als Teemischung (zum Beispiel ein „Schlaftee“ aus Melisse, Passionsblumen und Hopfen).

 

Pflanzentinkturen 

Eine Tinktur ist ein dünnflüssiger Auszug aus Arzneipflanzen mit Alkohol in geeigneter Konzentration. Alkohol ist ein gutes Lösungsmittel für pflanzliche Wirkstoffe – für wasserlösliche, aber auch teilweise für fettliebende wie ätherische Öle. Hochprozentige Tinkturen sind bezüglich Löslichkeit für fettliebende (lipophile) Wirkstoffe den wässrigen Kräutertees überlegen.

Grundsätzlich ist die Wirkstoff-Konzentration in Pflanzentinkturen höher als in Kräutertees. Da sie jedoch in viel kleineren Mengen eingenommen werden – als Einzeldosis zum Beispiel 20 Tropfen im Vergleich zu einer Tasse Kräutertee – werden mit Tinkturen in der Regel deutlich weniger Wirkstoffe zugeführt als mit Kräutertees.

Wegen der konservierenden Wirkung des Alkohols zeichnen sich Tinkturen durch eine gute Stabilität und Haltbarkeit aus.

Seit einiger Zeit gibt es den Trend, Pflanzentinkturen im Haushalt selber herzustellen. Zwar ist es sehr einfach, nach einem bestimmten Rezept Pflanzen mit Alkohol anzusetzen und ein paar Tage stehen zu lassen. Auch ist es natürlich eine schöne Vorstellung, sich seine Heilmittel selber herstellen zu können. Man wird dadurch unabhängig von fremden Produzenten und quasi auch auf dem Bereich der Heilmittel Selbstversorger. Die Frage, ob solche Home-made-Pflanzentinkturen bezüglich Stabilität, Wirkstoffgehalt und Wirksamkeit den Ansprüchen eines Arzneimittels gerecht werden, wird dabei allerdings kaum je gestellt.

Hauptsache selber!

Tinkturen können aus Frischpflanzen oder aus getrockneten Pflanzen hergestellt werden.

 

Frischpflanzentinkturen

Frischpflanzentinkturen werden oft nach den Regeln des Homöopathischen Arzneibuchs (HAB) hergestellt. Da sie noch nicht die homöopathischen Verdünnungsschritte durchlaufen haben, können sie auch im Sinne der Phytotherapie als alkoholische Pflanzentinktur eingesetzt werden. Frischpflanzentinkturen profitieren marketingmässig vom positiv besetzten Wort „frisch“, liegen aber gegenüber Pflanzentinkturen aus getrockneten Pflanzen vom Wirkstoffgehalt her etwa 50 % tiefer und sind instabiler.

Im Rahmen der Vorschriften des HABs gibt es herstellerspezifisch unterschiedliche Verfahren für Frischpflanzentinkturen („hand-made“ oder mit unterschiedlichen Maschinen), die bezüglich Qualität nicht evaluiert sind.

 

Pflanzentinkturen aus Drogen (= getrockneten Pflanzenteilen)

Die amtlichen Arzneibücher (Pharmakopöen) gehen in der Regel zur Herstellung von Tinkturen von getrockneten Pflanzenteilen aus.

Das Mengenverhältnis Droge zu Alkohol ist in der Regel 1 : 5 oder 1 : 10.

Pflanzentinkturen aus getrockneten Pflanzenteilen sind stabiler und in der Regel wirkstoffreicher als Frischpflanzentinkturen.

Zu unterscheiden sind:

– Mazeration

Die Droge wird unter bestimmten Bedingungen mehrere Tage zusammen mit dem Lösungsmittel stehen gelassen. Dann wird abfiltriert.

Die Wirkstoffe lösen sich bei der Mazeration bis zu einem Gleichgewicht im Lösungsmittel.

Das heisst: Die Konzentration an Wirkstoffen innerhalb und ausserhalb der Pflanzenzellen ist gleich hoch (Konzentrationsgleichgewicht).

Damit ist das Maximum der Extraktion erreicht und der Wirkstoffgehalt in der Tinktur kann nicht mehr gesteigert werden. Die Wirkstoffe lassen sich also nicht vollständig herausgelösen.

– Perkolation

Bei der Perkolation tropft das Lösungsmittel kontinuierlich durch die Droge, die sich in einem langen, engen, zylindrischen oder konischen Gefäss, dem Perkolator, befindet. Am Ende wird abfiltriert. Weil hier immer wieder wirkstofffreies und dadurch aufnahmefähiges, also quasi noch „hungriges“ Lösungmittel dazugegeben wird, handelt es sich bei der Perkolation um eine erschöpfende Extraktion.

Ein gutes Beispiel für Perkolation ist die Herstellung von Filter-Kaffee, bei der immer von oben frisches Lösungsmittel (in diesem Fall Wasser) nachtropft.

 

Pflanzenextrakte

Unter Extrakten versteht man Auszüge (Mazerate, Perkolate) aus Drogen, die entweder teilweise oder vollständig vom Lösungsmittel befreit wurden. Während also in der Tinktur das Lösungsmittel, meistens Alkohol, noch enthalten ist, wird es bei der Extraktherstellung nachträglich teilweise oder ganz entfernt. Das geschieht schonend durch Verdampfen im Vakuum bei niedriger Temperatur.

Mit zunehmendem Verdampfungsgrad werden dabei unterschieden:

 

Fluidextrakt (Flüssigextrakt)

Nach einer erschöpfenden Extraktion (Perkolation) wird der Alkohol im Vakuum teilweise abgedampft. Der Fluidextrakt enthält daher eine höhere Konzentration an Wirkstoffen als die Tinktur. Das Mengenverhältnis von Droge zu Alkohol ist in der Regel 1 : 1 oder 2.

Das Arzneibuch (Pharmakopöe) kennt zum Beispiel den Kamillenfluidextrakt. Ein Markenpräparat auf der Basis von Fluidextrakt ist Kamillosan.

 

Spissum-Extrakt (Dickextrakt)

Wird mehr Lösungsmittel abgedampft, bekommt man einen Dickextrakt. Es handelt sich um eine bei Wärme zähflüsssige, bei Raumtemperatur nicht mehr fliessfähige Masse, die zum Beispiel in Kapseln abgefüllt wird.

 

Trockenextrakt

Hier wird das Lösungsmittel vollständig im Vakuum abgedampft, weshalb auch andere Lösungsmittel als Alkohol in Frage kommen (z. B. Methanol, Aceton). Der Trockenextrakt ist ein festes Wirkstoffgemisch. Er wird zum Einnehmen in feste Arzneiformen weiterverarbeitet (Dragees, Tabletten, Kapseln) oder Salben beigemischt. Der Trockenextrakt enthält in der Regel eine höhere Wirkstoffkonzentration als Tinkturen, Fluidextrakte und Spissum-Extrakte.

Wieviel Drogenmenge ein Trockenextrakt entspricht, lässt sich am Drogen-Extrakt-Verhältnis (DEV) ablesen, das auf den Packungen von Phytopharmaka aufgedruckt sein sollte, wenn sie Trockenextrakt enthalten.

Manche Präparate auf der Basis von Trockenextrakt enthalten eine Wirkstoffmenge, die deutlich höher ist als jene, die mit Kräutertee zugeführt werden kann. Bei weniger stark konzentrierten Extraktpräparaten ist die damit zugeführte Wirkstoffmenge aber auch mit Kräutertee erreichbar.

Viele Trockenextrakt-Präparate sind auf einen bestimmten Hauptwirkstoff standardisiert. Die Herstellung wird dabei so gesteuert, dass von diesem als wichtig erachteten Wirkstoff eine gleichbleibende Menge in jedem Dragee vorhanden ist. Damit wird versucht, die Schwankungen im Naturprodukt Pflanze auszugleichen und eine möglichst gleichbleibende Wirkung zu gewährleisten.

Dabei bleibt aber natürlich ein Spielraum, da nicht alle Wirkstoffe des Vielstoffgemischs einer Pflanze eingestellt werden können.

Die Herstellungsverfahren der Trockenextrakte unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller zum Beispiel bezüglich Lösungsmittel, Druck und Temperatur. Das bedeutet: Wenn wir zum Beispiel 12 verschiedene Johanniskraut-Extraktpräparate haben, dann unterscheiden sich diese Produkte nicht nur quantitativ (mg Extrakt/Drg.), sondern auch qualitativ (Gehalt der einzelnen Wirkstoffe). Deshalb kann es grosse Unterschiede geben bezüglich der Wirksamkeit der einzelnen Extrakte.

Aufgrund dieser Unterschiede kann man Forschungsergebnisse eines bestimmten Trockenextrakt-Präparats nicht einfach ohne weiteres auf die Konkurrenzprodukte übertragen. Die Herstellungsverfahren der einzelnen Firmen sind zudem in der Regel patentiert. Das hat nicht nur Nachteile. Wenn Forschungsergebnisse nicht einfach von der Konkurrenz verwendet werden können steigt die Motivation der Firmen, in eigene Forschung zu investieren. Wir haben daher in der Phytotherapie die Situation, dass wir fast nur Forschungsergebnisse haben für Extraktpräparate und kaum solche für die nicht patentierbaren Arzneitees und Pflanzentinkturen.

Die Vorteile der Trockenextrakt-Präparate liegen auf der Hand: Verhältnismässig hohe Wirkstoffkonzentration, verhältnismässig hohe Stabilität, klare Dosierungsverhältnisse, oft verhältnismässig guter Forschungsstand, oft kassenzulässig via Grundversicherung bei positiver Studienlage.

Klar ist aber auch, dass wir es bei Trockenextrakten mit einem verhältnismässig technologischen Produkt zu tun haben. Die Natur wird hier als Ausgangsbasis verwendet und zum Teil für therapeutische Zwecke optimiert, zum Beispiel indem bei der Herstellung erwünschte Wirkstoffe angereichert und unerwünschte Stoffe – beispielsweise allergene oder toxische Substanzen – entfernt werden. Sinnliche Komponenten, die ein Kräutertee mit sich bringt – Geruch, Geschmack, Wärme – fehlen den Trockenextrakt-Präparaten völlig.

Die meisten phytotherapeutischen Dragées, Tabletten oder Kapseln enthalten Trockenextrakte, in manchen Fällen besteht ihr Inhalt jedoch einfach aus pulverisierter Droge. Das lässt sich zwar als naturnäher auffassen, hat aber den Nachteil, dass der grösste Teil des Volumens nicht von Wirkstoffen, sondern von phytotherapeutisch inaktiven Pflanzengerüststoffen wie Zellulose eingenommen wird.

Abschliessende Bemerkungen

Es gibt noch weitere pflanzliche Arzneiformen – zum Beispiel Frischpflanzenpresssäfte, Spiritusse, ätherische Öle, Salben, Inhalationen – auf die ich in diesem Rahmen nicht eingehen kann.

Dieser Beitrag hat aber hoffentlich gezeigt, wie wichtig in der Phytotherapie die Wahl einer geeigenten Arzneiform ist. Abhängig ist diese Wahl vom jeweiligen Menschen, der das Präparat einnimmt, von der Arzneipflanze, um die es geht und von der Art der Erkrankung.

Wenn Sie sich für Heilpflanzen-Anwendungen interessieren ist es wichtig, die verschiedenen Arzneiformen gründlich kennenzulernen.

Zu einem abgerundeten, fundierten Wissen über Heilpflanzen-Anwendungen gehört neben genauen Kenntnissen der Wirkungen, Anwendungsbereiche, unerwünschten Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Wechselwirkungen der Heilpflanzen auch dieses Wissen über die verschiedenen Arzneiformen der Phytotherapie.

Am Seminar für Integrative Phytotherapie vermittle ich dieses Wissen vor allem in der Phytotherapie-Ausbildung, aber auch im Heilpflanzen-Seminar.

Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde am Seminar für Integrative Phytotherapie in Winterthur (Schweiz) und Leiter von Kräuterkursen und Kräuterwanderungen.