Wer sich über die Wirkungen von Heilpflanzen im Internet informiert, findet dazu eine undurchschaubar grosse Fülle an widersprüchlichen bis wirren Angaben. Deshalb möchte ich im folgenden Beitrag aufzeigen, welche Anstrengungen in der Phytotherapie unternommen werden, um die Qualität des Wissens sicherzustellen. Zentral sind dabei verschiedene Fachkommissionen, die zu den einzelnen Heilpflanzen sogenannte Monografien erarbeiten – zum Beispiel die ESCOP-Monografien. Die Phytotherapie-Fachliteratur basiert im Wesentlichen auf solchen Monografien. Damit dieses Vorgehen besser nachvollziehbar wird, werde ich dazu vorgängig dazu das nötige Hintergrundwissen darstellen.


Phytotherapie basiert auf vielfältigen Erfahrungen der traditionellen Pflanzenheilkunde.

Aber Tradition hat nicht immer Recht. Sie enthält neben Wertvollem auch langlebige Irrtümer.

Siehe dazu:

Komplementärmedizin – hat Tradition Recht?

Darum sollten traditionelle Angaben zu den Wirkungen der Heilpflanzen nicht ungeprüft übernommen werden. Nötig ist vielmehr eine engagierte, aber auch kritische Auseinandersetzung mit diesen Überlieferungen, damit sich die Spreu vom Weizen trennen lässt.

Neben der Tradition werden viele Aussagen über die Wirkungen der Heilpflanzen mit individuellen Erfahrungen begründet. Aber auch die individuelle Erfahrung kann täuschen und tut dies sogar gar nicht so selten.

Siehe dazu:

Naturheilkunde braucht sorgfältigeren Umgang mit Erfahrung

Pflanzenheilkunde: Erfahrung genügt nicht zur Begründung

Zitat des Tages von Johann Wolfgang Goethe

Naturheilkunde: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?

Vom Umgang mit Erfahrung in der Pflanzenheilkunde

 

Wenn Tradition und individuelle Erfahrungen keine ausreichende Basis bieten, wie lassen sich dann fundierte Erkenntnisse gewinnen?

Dazu braucht es:

  1. Die kritische Diskussion und Auseinandersetzung in einer „community“ von Fachleuten. Die Erfahrung oder Idee einer einzelnen Person ist immer fehleranfällig und jeder Mensch hat diesbezüglich seine blinden Flecken. Nur in einer engagierten Diskussion und fachlichen Auseinandersetzung können solche Fehler erkannt und überwunden werden.
  1. Die Quellen, Diskussionen und Entscheidungsprozesse dieser „community“ müssen transparent dokumentiert und nachvollziebar sein. Prägnant formulierte der amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) „das erste Erfordernis des wissenschaftlichen Verfahrens – nämlich volle Öffentlichkeit der Materialien und Prozesse“ (in: Erfahrung, Erkenntnis und Wert, S. 314, Suhrkamp 2004). Nur wenn die Quellen, Materialien und Prozesse offenliegen, kann jeder aussenstehende Mensch überprüfen, ob die Schlussfolgerungen für ihn glaubwürdig sind oder nicht.

 

Für diese Prozesse der Qualitätssicherung sind in der Phytotherapie verschiedene Fachkommissionen zuständig:

 

Kommission E

Die Kommission E ist eine eigenständige, wissenschaftliche Sachverständigenkommission für pflanzliche Arzneimittel des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA) und des heutigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Deutschland. Sie berät das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in der Regel bei der Zulassung von traditionellen Arzneimitteln und von Arzneimitteln der besonderen Therapierichtungen.

Von 1978 bis 1994 bestand die Aufgabe der Kommission E darin, wissenschaftliches und erfahrungsheilkundliches Material zu erwünschten und unerwünschten Wirkungen von Arzneipflanzen zu verfassen. Daraus wurden die bis heute gültigen Monografien der Kommission E erstellt, die als Basis für die Neuzulassung und Nachzulassung pflanzlicher Arzneimittel gelten. Die Kommission E ist interdisziplinär zusammengesetzt. Sie besteht aus Sachverständigen mit besonderen Kenntnissen der wissenschaftlichen oder praktischen Phytotherapie und umfasst Experten für:Pharmazeutische Biologie, Medizin (Ärzte), Naturheilkunde (Heilpraktiker), Pharmakologie und Toxikologie.

Die Monografien der Kommission E sind inzwischen allerdings schon etwas in die Jahre gekommen, so dass diese Aufgabe heute mehr und mehr auf europäischer Ebene von der ESCOP wahrgenommen wird.

 

ESCOP-Monografien

Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) wurde 1989 als europäischer Dachverband zahlreicher nationaler Gesellschaften für Phytotherapie gegründet und hat heute Mitglieder sowohl aus europäischen als auch aus nicht-europäischen Ländern.

Die ESCOP fördert und erarbeitet den wissenschaftlichen Status pflanzlicher Arzneimittel (Phytopharmaka) und unterstützt die Harmonisierung ihres regulatorischen Status (Zulassung) innerhalb von Europa.

In erster Linie befasst sich die ESCOP aber mit einem Komitee von Mitgliedern mit der Erarbeitung von Heilpflanzen–Monographien, die mit europäischen Fachleuten diskutiert werden, bevor eine Publikation erfolgt. Die ESCOP-Monographien haben wegen der Angabe der zitierten Quellen einen hohen Stellenwert und sind so nachvollziehbar dokumentiert.

Sie enthalten detaillierte Angaben zu den verwendeten Arzneipflanzen und deren Inhaltsstoffe und stellen im Detail die Resultate aus den vorliegenden pharmakologischen, kinetischen, toxikologischen und klinischen Studien dar. Basierend auf den veröffentlichten Daten werden Angaben zur Anwendung, wie die Anwendungsgebiete, zur Dosierungen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Wechselwirkungen aufgeführt.

Inzwischen sind mehr als 100 ESCOP-Monographien erstellt und veröffentlicht worden. Zahlreiche weitere neue Monographien sind am Entstehen. Aktualisierungen früherer Monographien sind in Überarbeitung.

 

HMPC-Monografien

Das HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products) ist als Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel ein Gremium der europäischen Zulassungsbehöre (EMA).

Dem HMPC gehören wissenschaftliche Arbeitsgruppen (working parties) an, auf die besondere Aufgaben übertragen werden, beispielsweise eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Ausarbeitung der Pflanzenmonographien befasst.

Die verabschiedeten HMPC-Monographien sind wichtige Entscheidungsgrundlagen für die nationalen Zulassungsbehörden in allen europäischen Staaten.

Bei den HMPC-Monografien gibt es zwei Kategorien:

→ Well-established use

Voraussetzung für die Zuordnung in diese Kategorie ist eine mindestens zehnjährige medizinische Verwendung als Arzneimittel in einem Land der EU mit ausreichender bibliografischer Dokumentation sowie akzeptierten und fachlich anerkannten Daten. Vorausgesetzt wird zudem, dass mindestens eine gute ¬klinische Studie vorliegt. Die Gruppe der well-established use-Präparate gilt als medizinisch anerkannt bzw. wissenschaftlich plausibel („Rationale“ Phytotherapie).

Einschränkend muss dazu aber gesagt werden, dass aus Sicht der Evidenzbasierten Medizin eine einzige positive Studie noch nicht genügt, um die Wirksamkeit zweifelsfrei zu belegen.

→ Traditional use

Bei dieser Kategorie genügt als Nachweis zur Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eine mindestens 30-jährige Tradition der medizinischen Verwendung, davon mindestens 15 Jahre in einem Land der EU. Unter „traditional use“ finden sich wirksame und unwirksame Heilpflanzenpräparate, denn es steht ausser Frage, dass eine 30-jährige Tradition der Verwendung noch keine Wirksamkeit garantiert. Zudem ist es doch etwas fragwürdig, wenn bereits nach 30-jähriger Verwendung von „traditional“ gesprochen wird.

 

WHO-Monografien

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, World Health Organisation) fasste 1986 den Beschluss, Monografien für ausgewählte Arzneipflanzen zu erarbeiten.

Sie verfolgt damit das Ziel, dass Staaten weltweit sichere und wirksame traditionelle pflanzliche Arzneimittel in der Gesundheitsversorgung einsetzen können.

Mit den WHO-Monografien sollen wissenschaftliche Informationen zur Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von vielfach angewendeten Arzneipflanzen zur Verfügung gestellt werden.

Die WHO-Monografien sollen keine offiziellen nationalen Sammlungen ersetzen und werden als Vorschlag betrachtet, der sich an regulatorische Behörden, Wissenschaftler und Angehörige der Heilberufe richtet, um eine angemessene Nutzung der Arzneipflanzen zu ermöglichen.

 

Fazit:

Monografien verkünden nicht absolut endgültige, unbezweifelhafte Erkenntnisse.

Sie sind aber ausserordentlich wertvolle Orientierungshilfen im Dschungel der Behauptungen und Versprechungen. Als dokumentiertes Gemeinschaftswerk von Expertinnen und Experten stellen sie weit fundierteres Wissen zur Verfügung als es Einschätzungen, Vorstellungen und Ideen sind, die auf dem „Mist“ von Einzelpersonen gewachsen sind.

Aus diesem Grund basieren Phytotherapie-Fachbücher mit ihren Angaben zu Wirksamkeit und Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen weitgehend auf Monografien, während Laienbücher über Pflanzenheilkunde oft aus dem Kopf einzelner Autorinnen oder Autoren entspringen.

Im Sinne der Qualitätssicherung trennen diese beiden Bereiche oft Welten.